Aktuelle Beiträge im Blog „EU – Osteuropapolitik“

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27.05.2017

KAlendarZitierweise Empfehlung:
Tchernodarov, A.:
Kann Erinnerung falsch sein? In: www.tchernodarov.de/Blog: EU-Osteuropapolitik. Beitrag zu Russlandkontrovers vom 12.05.2017 

   Kann Erinnerung falsch sein? /
Dr. Andrej Tchernodarov über die Unterschiede in den europäischen Erinnerungskulturen

Denkmal in Tallinn am 9.05. 2017

Denkmal in Tallinn am 9.05. 2017

Quelle: Privat mit freundlicher Genehmigung des Autors

„Seit zehn Jahren, immer zur gleichen Zeit, Ende April – Anfang Mai, entflammen in Europa und in Russland Diskussionen darüber, ob wir uns richtig oder falsch an unsere gemeinsame wechselhafte Geschichte des 20. Jahrhunderts erinnern. Kann es tatsächlich vom Kampf der Erinnerungen, vom Kampf der Erinnerungskulturen oder einer entehrten „Opferkonkurrenz“ gesprochen werden?“ – fragt Dr. Andrej Tchernodarov und sucht nach Erklärungen, wie es dazu kommen konnte.

Seit dem Ereignis in Estland, das unter dem Titel – „Bronzesoldat von Tallinn“ in die Geschichte eingegangen ist, hat die Frage nach der Erinnerungskultur in West- und Osteuropa an Brisanz gewonnen. Damals, im April 2007, hat die estnische Regierung in Tallin trotz des Wiederstandes der Bevölkerung eine Umbettung der Gedenkstätte der gefallenen sowjetischen Soldaten an den Rand der Stadt in einer Nacht-und-Nebel-Aktion durchgeführt. Ein protestierender Student kam dabei ums Leben.

Im Hintergrund dieser Aktion hat man die entstandene Gepflogenheit der NS-Märsche in den baltischen Ländern im Blick, was in anderen EU-Ländern allein schon aus rechtlichen Gründen nicht zulässig ist. Die Tatsache, dass in Lettland lebenden, so genannten „Nichtbürger“ (247.000 Nichtbürger – Stand Juli 2016) sowie die russische Minderheit in Estland mit dem Verbot der Sowjetischen Symbole konfrontiert wurden, trug zu sozialen Spannungen in Osteuropa bei. Die erwähnten Umstände ließen die russische Seite politisch und wirtschaftlich auf die estnische Geschichte vom „Bronzesoldat“ reagieren. Daraufhin wurde damals das neue NATO-Cyber-Abwehrzentrum in Estland als eine westliche Antwort installiert. Das war die erste NATO-Institution in unmittelbarer Nähe der russischen Grenze.

Das Beispiel des „Bronzesoldaten“ ist ein Beispiel von vielen. Bewusst oder unbewusst, kann so ein historisches Narrativ durchaus zu einer politisch-strategischen Aktualität in der Tagespolitik instrumentalisiert werden.

Ich erinnere mich an ein Interview von Michail Gorbatschow, in dem er gefragt wurde, wie er unsere Zukunft in zehn Jahren sieht? Gorbatschow wunderte sich: „Wieso fragen Sie mich, wie unser Leben in zehn Jahren aussieht, wenn ich nicht mal sagen kann, wie in zehn Jahren unsere Vergangenheit aussehen wird?“

Damit deutete Michail Gorbatschow an, dass wir immer wieder die Vergangenheit neu interpretieren. Das ist nicht neu, dass man die Geschichte instrumentalisiert. So sieht die russische Seite mit Argwohn die Versuche, die Befreiung des europäischen Hauses vom Faschismus im 20. Jahrhundert im modernen Diskurs zu relativieren. Es wird ein neues Narrativ im Kontext der Tagespolitik geschaffen. Es geht in der Tat, wenn wir heute über den Zweiten Weltkrieg reden, nur zum Teil über die Vergangenheit, auch wenn die Ereignisse schon 72 Jahre zurückliegen.

Es ist unmöglich die Rolle der sowjetischen Völker im Sieg über den Nazismus zu bestreiten. Jedoch, weil das nicht ins Feindbild von Putins Russland passt, wird auch das in Frage gestellt. Hier sehen wir in der EU verschiedene Modelle. Die Frage, die in diesem Kontext wichtig erscheint, ist die folgende: Wie bewerten wir heute, abgesehen von der Tagespolitik, das Ende des Zweiten Weltkrieges für uns? Was spricht für eine Befreiung oder eine neue Okkupation, zum Bespel aus der Perspektive Polens? Diese Idee mit dem Wechsel des Okkupanten wird von Teilen des polnischen Establishments heute geäußert.

Um diese These zu überprüfen, reicht es, die traurige Statistik anzuschauen. Unter der Besatzung durch das NS-Deutschland wurden auf dem polnischen Gebiet Ghettos und zahlreichen Konzentrationslager errichtet und 20 % der polnischen Bevölkerung vernichtet.

Die Frage, ob die Rote Armee im Frühjahr 1945 an der deutsch-polnischen Grenze die militärischen Handlungen einstellt, stand für die Sowjetunion nicht zur Debatte, weil in diesem Fall die Wehrmacht zweifellos eine neue Offensive gestartet hätte und Polen weiterhin unter der Besatzung NS-Deutschland vernichtet worden wäre. Während des Siegeszugs der Roten Armee sind allein in Polen 600 000 Soldaten für die polnische und dementsprechend für die europäische Befreiung gefallen. Selbstverständlich wurde auch dem Genozid der Polen ein Ende gesetzt, denn, obwohl das sowjetische System alles andere als ein demokratisches System war, bestand für die Existenz des Staates und das Leben der Bevölkerung keine Gefahr mehr. Es wurde eine neue Art der Kriegsführung in Osteuropa von der Wehrmacht geführt – ein Vernichtungskrieg.

Es ist symptomatisch, dass die von Warschau ausgehenden aktuellen politischen Diskurse gleichzeitig die Befreiung durch die Rote Armee relativieren.

Vor kurzem war in den sozialen Netzen eine große Aufregung in Bezug auf die historischen Rekonstruktionen der Schlacht um Berlin und der Eroberung des Reichstagsgebäudes im Park „Patriot“ bei Moskau zu beobachten.

Solche historischen Rekonstruktionen sind in der westlichen Erinnerungskultur gang und gäbe. Jedes Jahr geschieht das, zum Beispiel, bei Leipzig. Die kostümierte Völkerschlachtrekonstruktion hat mittlerweile eine eigene Geschichte. Die russisch-preußische Armee verjagt jedes Jahr im Oktober Napoleon. Das stört niemanden. Selbst die französische Seite hat das nicht beunruhigt. Warum rief dann die Rekonstruktion der Reichstagseroberung bei Moskau so eine Diskussionswelle hervor? Das ist deshalb merkwürdig, weil die Eroberung des Gebäudes hauptsächlich für die Rote Armee hohen Symbolwert besaß. Nicht so für die gegnerische Seite. Es wurde am 16. April in Moskau entschieden, dass im Mittelpunkt des Endkampfes um Berlin nicht die Vernichtung der neuen Reichskanzlei Hitlers stehen soll. Die Rote Fahne über den Reichstag sollte das symbolische Zeichen in diesem vernichtenden Krieg darstellen, in dem ca. 60 Millionen Menschen ermordet wurden. Für die Berliner hat das Gebäude im Krieg keine administrative Bedeutung gehabt. Das Reichstagsgebäude diente als ein Luftschutzbunker, die Produktion der Elektronenröhren war dort organisiert, ein Lazarett eingerichtet und sogar eine kurze Zeit hat die Charité ihre Geburtsstation in das Gebäude verlegt. Einige Hundert Berliner wurden im Reichstagsgebäude geboren. Nichts desto trotz, hat keiner von den 5000 Verteidigern im und um das Gebäude ans Aufgeben gedacht. Die Rote Armee nahm kein Krankenhaus ein, die Geburtsstation war zu dieser Zeit schon längst ausgelagert, sondern einen wichtigen, weithin sichtbaren Stützpunkt in der Mitte Berlins. Die Soldaten hatten einen Befehl und erbittert, ganze vier Tage – vom 28. April bis zum späten Abend des 1. Mai 1945 – um das Gebäude gekämpft. Die Sowjetunion sah im Reichstag eines der Schlüsselsymbole des nationalsozialistischen Deutschlands.

Das berühmte Foto mit der roten Fahne, wurde das Symbol des Endes des Zweiten Weltkriegs und symbolisiert gleichzeitig den Sieg über dem Faschismus in Europa. Ein Endpunkt der 12-jährigen Herrschaft des versprochenen tausendjährigen Reichs Hitlers. Was wäre mit Europa passiert, wenn es die Opfer der sowjetischen Völker nicht gegeben hätte? Allein in Berlin sind in den letzten Tagen des Krieges siebentausend Soldaten gefallen.

Die Militärparaden der Russen sind vor allem eine Tradition, die nicht nach außen gerichtet ist, denn Russland wurde historisch gesehen, immer wieder angegriffen und hat immer wieder für seine eigene Existenz teuer bezahlt. Für die Bevölkerung ist das enorm wichtig zu wissen, dass der Frieden sicher geschützt ist.

Brauchen wir 72 Jahre später einen neuen Blick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts? Selbstverständlich können wir gemeinsam neue Denkanstöße entwickeln und Antworten finden, wenn wir ernsthaft zunächst die eigenen Fragen beantworten.

Was bedeutet für uns heute das Leben ohne dominierenden Faschismus? Die europäische Entwicklung hin zur EU, zur größten internationalen wirtschaftlichen Kooperation, wäre nicht denkbar, ohne die Befreiung von Faschismus. Als Konsequenz des Friedens nach 1945, beginnt mit der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl die wirtschaftliche und politische Vereinigung der europäischen Länder und letztendlich der Europäischen Union. Die Motivation solch einer Entwicklung war eben der Motor: „Nie wieder Krieg in Europa!“.

Mir scheint es aus diesem Grunde passend und symbolisch, dass an einem Tag, wie dem 9. Mai zur Erinnerung an die Rede des französischen Außenminister Robert Schumann jedes Jahr der Europatag der Europäischen Kommission begangen wird. An diesem Tag kann gemeinsam der Tag des Friedens in Europa gefeiert werden. Man ehrt den Frieden am ersten friedlichen Tag nach dem Krieg und gedenkt der Millionen Opfer des letzten schrecklichen Weltkrieges.  Das ist unsere gemeinsame Geschichte. Die Völker der Sowjetunion und Russlands, als deren Rechtserben, haben einen engen Bezug hierzu, weil es keine Familie in Russland gibt, die keinen Toten in diesem Krieg zu beklagen hätte. Gedacht wird nicht dem Sieg über die Deutschen, sondern über den Faschismus.

Die Diskussionen der letzten Jahre uferte immer wieder zu einem Politikum aus. Ist der Faschismus etwa nie wirklich ausgerottet worden, dass wir die Freude über den Sieg vermindern und den Sieg relativieren müssen? Es geht um Millionen von ausgelöschten Leben, die die friedliche Zukunft für Europa ermöglicht haben. Es ist wichtig daran zu denken, was in unserer Erinnerungskultur die friedliche Nachbarschaft festigen wird. Trotz der „dunklen“ Seiten, überwiegen in unserer gemeinsamen europäischen Geschichte die „hellen“.

Zum Autor:

Dr. Andrej Tchernodarov ist Politik- und Kulturwissenschaftler, Mitarbeiter des europe direct Informationszentrums Potsdam bei der Berlin- Brandenburgischen Auslandsgesellschaft und Lehrbeauftragter an der Universität Potsdam, Institut für Religionswissenschaft/Philosophische Fakultät; Vorsitzender des Vereins zur Pflege und Förderung von Bildung und Erziehung „Logos e.V.“ im Ehrenamt; Autor zahlreicher internationalen Ausstellungsprojekte.

Dr. Tchernodarov ist 1967 in Russland geboren, er studierte Politik, Kulturgeschichte und Altphilologie in Ekaterinburg und Moskau; bis 1994 arbeitete als Dozent an der Geistlichen Akademie in Russland. Seit 1994 wohnt und arbeitet in Deutschland. Nach dem Sprachkurs und Studium der Theologie promovierte an der Martin-Luther-Universität im Fachbereich Kunst-, Orient und Altertumswissenschaften der Philosophischen Fakultät. 
Dr. Tchernodarov realisierte universitäre und außeruniversitäre Forschungsprojekte in Kooperation mit deutschen, russischen und italienischen Institutionen, lehrte als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragte an den Universitäten in Halle/Saale, Erfurt, Leipzig, Jena, Potsdam und Berlin (Humboldt-Universität). Neben zahlreicher Publikationen verfasste er vier Monographien und gab vier wissenschaftlichen Bände zu den Themen der Deutsch-Russischen Geschichte heraus. 

19.05.2016

KAlendarZitierweise Empfehlung:
Tchernodarov, A.:
Eins plus Eins ist gleich Drei.
Ein politischer Kommentar zu einer unpolitischen Veranstaltung. In: www.tchernodarov.de/Blog: EU-Osteuropapolitik. Beitrag vom 19.05.2016 

Beitrag als PDF: Tchernodarov, A. Eins plus Eins ist gleich Drei.

Eins plus Eins ist gleich Drei.
Ein politischer Kommentar zu einer unpolitischen Veranstaltung.

Eurovision_2016_Official_Logo Quelle en.wikipedia.org

Eurovision_2016_Official_Logo Quelle: en.wikipedia.org

Am 14. Mai 2016 ist in Stockholm der jährliche Musikwettbewerb, der Eurovision Song Contest mit überraschenden Ergebnissen zu Ende gegangen. Die neuen Regeln der Stimmberechnung ließen die Spannung leider nicht lange aufrechterhalten. Genau das Gegenteil haben sich die Organisatoren erhofft. Die Organisatoren des Wettbewerbes zeigten letztendlich nun ein Mal mehr, dass es wichtig ist, wer die Regeln bestimmt. Aus dieser Perspektive möchte ich einen Blick auf die neuen Reglungen und  Ergebnisse werfen. Es geht mir also nicht um künstlerische Qualität und nicht um Musikkritik. Zu dem musikalisch –künstlerischen Aspekt gilt jedoch zu sagen, dass alle drei Songs auf den ersten Plätzen ohne Zweifel auf qualitativ hohem Niveau sind. Obwohl dieser Wettbewerb keine Zweit- oder Drittplatzierung vorsieht,  ist für uns im Grunde genommen die Platzierung an der Spitze der „Musikpyramide“ des Contests, die ersten Drei von Interesse. Generell geht es eigentlich nur um den ersten Platz, der belohnt wird. Jedoch sind besonders in diesem Jahr der zweite und dritte Platz brisant.

Ich platziere diese Paargedanken in meinem EU-Osteuropapolitik Blog, weil es im Grunde genommen wieder um die Ukraine und Russland geht, also Osteuropa.

Man spricht schon seit längerem darüber, dass in der Abstimmung beim Eurovision Song Contest politische Sympathien diversen Länder ihren Ausdruck finden. Es war eigentlich schon immer ein politisches Event. Man scherzte immerfort, dass die Skandinavier unschlagbar sind, weil sie einander die besten Punkte vergeben, dass die Zyprioten die beste Punktzahl immer den Griechen geben, dass Moldau und Rumänien ein festes Abstimmungstandem bilden und es die Regel ist, dass Russland von Weißrussland zwölf Punkte bekommt. Solche Beobachtungen sind allerdings nur bedingt richtig, denn die Abstimmung abhängt von mehreren Nuancen. Spielt dabei musikalische Qualität eine Rolle?

jamie-lee-eurovision-song-contest Bild zu Jamie-Lee, Eurovision Song Contest

Bild zu Jamie-Lee, Eurovision Song Contest Quelle: web.de

Sicher. Jedoch nicht die Hauptrolle. Wenn man die diesjährige Letztplatzierung Deutschlands mit Jamie-Lee kritisch anschaut, kommt man zu dem Schluss, dass die künstlerischen Eigenschaften bei diesem Wettbewerb auch keine Hauptrolle gespielt haben. Es ist eine feste Charakteristik des ESC, unabhängig davon ob sie gefällt oder nicht. Deutschland bekam trotz eines relativ guten musikalischen Niveaus weder von so genannten „Fachjurys“ noch von den Zuschauern eine gute Punkten vergeben. Das geht sicherlich auf die Rolle und die Image des Landes in Europa zurück. Ein bitteres Arzneimittel für Deutschland.  

Ohne Zweifel ist immer das Bestreben der Organisatoren eine Einflussnahme auf die Ergebnisse des Wettbewerbes auszuüben sichtbar. Offensichtlicher als in diesem Jahr, war es allerdings selten. Die Entscheidung wurde 2016 geteilt: Das Recht der ersten Nacht, so zu sagen, wurde 2016 je einem nationalen Juri vorbehalten. Wer die fünf Juroren waren, ist vor der Öffentlichkeit verborgen geblieben. Es ist vielleicht auch besser so, denn die Kluft zwischen der Jurybewertung und Stimmen der Zuschauer, die übrigens mit eigenen Geld abgestimmt haben war gigantisch. Obwohl je fünf vermeintlichen „Profis“ einem Millionenpublikum gegenüber gestellt waren, wurden im Ritual des Punktevergabeablaufs ihre Stimmen medial gewichtiger dargestellt. Sie nahmen entsprechend mehr Zeit in Anspruch.  

Die Plätze wurden also im Ergebnis des Addierens der beiden Abstimmungen vergeben. Wir schauen zunächst getrennt die beiden Voten an.  Die Juryabstimmung hat die Erstplatzierung einer südkoreanischen Sängerin Dami Im vergeben, die Australien vertreten hat. Es wäre an dieser Stelle eine logische Frage erlaubt: Wer Organisatoren davon überzeugen können, dass Australien in Europa liegt? Die Frage wäre aber haarspalterisch. Der Song von Dami Im war eine brillante musikalische Leistung, die sicherlich eine Bereicherung für den Eurovision bedeutete. Aus dieser Erfahrung liegt es nah einen ähnlichen Wettbewerb für Asien zu veranstalten.  

Den ersten Platz der Zuschauer wurde mit einem Vorsprung dem russischen Sänger Sergej Lazarev zugesprochen. Sein Song „You Are The Only One“ kam europaweit und auch in der Ukraine, die unerwartet 12 Zuschauerpunkte Russland gegeben hat, sehr gut an.  Die Länder deren Juris gerade keine Punkte dem russischen Song gegeben, haben dagegen vom Zuschauervotum in der Regel zwölf Punkte bekommen. Der ukrainische Song wurde von russischem Publikum mit zehn Punkten belohnt. 

Jedoch fiel Endergebnis so aus, dass weder Australien noch Russland zum Gewinner erklärt wurden, sondern im Ergebnis des Stimmenaddierens Jamala aus der Ukraine mit dem Lied „1944“ gewann. Das ist nach der Einschätzung vieler Beobachter zu einer symbolischen Umarmung der Ukraine von den europäischen Eliten geworden. Also eine politisch motivierte Beurteilung. Es ist tatsächlich absolut unklar, nach welchem Prinzip die Fachjury abstimmte, welche Bewertungskategorien berücksichtigt worden? Bemerkenswert, dass von Zuschauer bestplatzierte Lasarev von  Juris der 21 Länder null Punkte bekam.

Der Sieg der Ukrainerin wurde selbstverständlich in ihrem Land bejubelt. Rief aber auch deutliche politische Reaktion der Elite des Landes aus. Kurz nach dem Jamala nach Kiev zurückkehrte, wurde sie zum 18. Mai auf die Krim, ihre historische Heimat, eingeladen. Auf der Krim lebt immer noch die Jamalas Familie. An diesem Tag begehen die Krimtataren den Tag der Erinnerung, denn am 18. Mai 1944 begann die Stalins  Deportation der Krimtataren nach Sibirien und Mittelasien. Erst Jahrzehnte später kehrten einige Überlebenden auf die Krim zurück. Eine dramatische Seite der verbrecherischen Nationalitätenpolitik von Stalin. Das Trauma der Krimtataren und Jamalas Familie ist der eigentliche Inhalt des Liedes „1944“. Jamala hat die Einladung auf die Krim abgelehnt. Das ist auch ein politisches Votum.

Insgesamt 20 Nationalitäten fielen den stalinistischen Verfolgungen in den Jahren von 1925 bis 1950 zum Opfer. 

Nichts desto trotz bekam Jamalas Lied eine starke persönliche Note und emotionale Kraft  durch ihr Familiendrama. Die getrennte Abstimmung hat das Endergebnis allerdings als ein angepasstes dem politischen Wunsch Ergebnis aussehen lassen. Das Wahlrecht in einigen demokratischen Länder kennt etliche Methoden um die Ergebnisse zu relativieren oder/und anzupassen. Ich denke nur an die „berühmte“ Tricks des Wahlsystems in der USA mit beispielsweise einem Winner-Takes-It-All-Prinzip und mit Gerrymandering. Die letzte Methode lässt eine deutliche, einfache Mehrheit durch die bestimmte Wahlkreisteilung zu einem legalen Gegenergebnis zu bringen.

So wurde gewollt oder ungewollt auch das Zuschauervotum beim diesjährigen ESC umgekippt. Die australische Teilnehmerin, die von Fachjurys bestplatziert wurde, ging auch wie der von Zuschauer bestplatzierte russischer Teilnehmer leer aus.        

Nun findet der nächste Eurovision-Songcontest in der Ukraine statt. Eine wichtige Frage ist, wer von den russischen Sängern überhaupt ins Land einreisen darf. Zahlreichen russischen Künstlern ist die Einreise aufgrund deren Zustimmung zur Eingliederung der Krim und der Unterstützung aufständischer Donbass-Republiken verwehrt. 

In einem Interview sagte der Rada-Abgeordnete Anton Geraschtschenko, dass nur Sänger an dem Wettbewerb teilnehmen könnten, die die Krim nicht für russisch halten.

Eine wichtige und keine leichte Aufgabe für die Ukraine wird das Event zu finanzieren. Es scheint, dass die Aufregung wegen des nächsten ESC in Kiev nicht zu vermeiden ist.

 

 

KAlendar

2.01.2016

Zitierweise Empfehlung: Tchernodarov,  A.:
Russisch-ukrainische Diaspora und die aktuelle Ukraine-Krise. In: www.tchernodarov.de/Blog: EU-Osteuropapolitik. Beitrag vom 2.01.2016

Beitrag als PDF:
Tchernodarov, A. Russisch-ukrainische Diaspora und die aktuelle Ukraine-Krise

FanenRussisch-ukrainische Diaspora und die aktuelle Ukraine-Krise  

Im Dezember wurde ich zu einer Podiumsdiskussion mit dem Thema – „Russisch- und Ukrainischsprachige in Berlin. Was uns verbindet, was uns trennt?“ eingeladen.

Als das Thema vorgeschlagen worden war, muss ich zugeben, dass ich  zunächst überlegte, ob das nicht ein Beitrag zum Informationskrieg sei, in dem wir leider jeden Tag Zielobjekte sind. Heutzutage wird sie mit allen Mitteln von den „renommierten“ Medien geführt: ZDF kauft in Osteuropa Scheinzeugen, ARD zensiert und selektiert, die Zeitungen organisieren  fast flächendeckend thematische Feldzüge usw. Bild: pbs.twimg.com/mediaEs entfaltet sich der geopolitischen Kampf für die erwünschte öffentliche Meinung, der am deutlichsten an solchen Beispielen wie die Ukraine zu beobachten ist.

Bild: pbs.twimg.com/media

Ich habe mich an zahlreiche öffentliche Diskussionen des vergangenen Jahres erinnert. An Diskussionen mit Freunden und Verwandten in Deutschland, in Russland, in der Ukraine. Nüchtern muss ich feststellen, dass sich die Meinungsverschiedenheiten oft nur festigten. Vor allem nicht auf Grund der Argumentationslage, sondern auf Grund der Emotionalität. Das ist schade, denn solche Gespräche sollen der Vertiefung, des Verständnisses der gesellschaftlichen und politischen Prozesse dienen. Nach einiger Überlegung habe ich doch als einer von zwei Kontrahenten, ein Experte für die Geschichte der russisch sprechenden Diaspora in Berlin, mit einem Impulsvortrag aufzutreten zugesagt. Die Motivation war meinerseits nicht einen Konsens in der kurzen Zeit zu erzielen, sondern zu versuchen miteinander sachlich über die Ereignisse um die Ukraine-Krise und ihre Wahrnehmung  zu sprechen. Mit Genügsamkeit kann ich bestätigen, dass diese Ziel erreicht worden ist. Im Ganzen ist der Abend gelungen, obwohl jeder bei seiner eigenen Meinung geblieben ist. Ich habe ein paar Gedanken zum besagten Thema aufgeschrieben:

AK: Berlin 20er, Gleisdreieck

AK: Berlin 20er, Gleisdreieck

Migranten sind ein Teil des politischen West-Ost Diskurses

Wichtig ist es, die vor uns stehende Frage Russisch- und Ukrainisch-sprachige in Berlin. Was uns verbindet, was uns trennt? – mit einem gewissen Abstand, analytisch zu betrachten. Obwohl das nicht leicht ist, denn Migranten mit russischen und ukrainischen Wurzeln verstehen sich fast immer als ein Teil des politischen West-Ost Diskurses. Selbst die Themenformulierung der heutigen Veranstaltung ist das Ergebnis der politischen Entwicklungen der letzten zwei Jahre. Noch vor drei Jahren wären wir nicht auf diese Idee gekommen mit einem solchen Thema ein Treffen zu organisieren. Die Stadt Berlin wurde in ihrer historischen Perspektive zu  einer neuen Heimat von Migranten aus Osteuropa im 20. Jahrhundert, die sich definitiv selbst und von außen zu einer kulturellen Gemeinschaft gezählt haben.

Man kann sich auf Gemeinsamkeiten oder auf Verschiedenheiten konzentrieren. Es sind immer Meinungsverschiedenheiten in der Politik oder in der Kultur auch innerhalb einer Diaspora, jedoch waren sie bis vor Kurzem auf keinen Fall deutlich ethno-territorial wie sie Heute sind. Nitzsche hat einmal gesagt, dass Meinung perspektivisch ist. Wechselperspektive als eine analytische Methode ist aufschlussreich.

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AK: Berlin der 20er, Wittenbergplatz mit Untergrundbahnhof

Historische Perspektive

Der Ost-West und West-Ost Austausch in Europa hat eine reiche, mindestens 300jährige Geschichte. Und wenn wir von Russen und Ukrainern sprechen, müssen wir bekennen, dass dieses Segment der Migration eine sichtbare Seite des Kulturaustausches darstellt. Wenn Ende des 18. – Anfang des 19. Jahrhunderts die Hauptströmung ausschließlich gen Osten verlief, wurde im 20. Jahrhundert durch zahlreiche Katastrophen – Erster Weltkrieg, beide Revolutionen des Jahres 1917, Bürgerkrieg – ein russischer Exodus Richtung Westen ausgelöst. Mit dem Wort „Russen“ wurden alle Migranten aus dem ehemaligen russischen Reich benannt. Eine überraschende Wende wurde für die Russen, welche nach Westen strömten und für die Deutschen, vor allem in Berlin vom historischen Los bereitet. Berlin ist die Stadt, die für kurze oder etwas längere Zeit hunderttausende russisch sprechende Bürger aufnahm. Ich möchte betonen, dass diese neuen Bürger für die Berliner Russen waren, unabhängig davon ob dabei vom in Kiev geborenen, geliebten Sänger Wertinskij die Rede war, oder es um den im belorussischen Witebsk geborenen Mark Schagal oder um in dem im Mstislawl geborenen Jüdischen Philosoph Simon Dubnow, oder es um den aus Saratow stammenden Nikolaus Sagrekow ging.  Das Phänomen der neuen russischen „Szene“ der Hauptstadt in den 20er Jahren ist eine überraschende und heute zugleich für Historiker faszinierende Seite der Stadtgeschichte. Die Migranten haben sich unter einander auch nicht nach Nationalität oder nach Gebiet der Herkunft, sondern eher nach politische Überzeugung unterschieden. Da es viele „russischen“ Adressen in Charlottenburg gab, wurde Charlottenburg von den Russen leichter Hand in Charlottengrad umbenannt. Die Deutschen sprachen von Berlin als eine „zweite Hauptstadt Russlands“ und nannten den Kurfürstendamm in Anlehnung an die Petersburger Hauptstraße Newski Prospekt und in Anspielung auf Lenins „Neue Ökonomische Politik“ (NEP) Nepski-Prospekt. Man erzählte Witze über Russen und ihre Kontakte zu den Deutschen.

Warum wurde die Hauptstadt des Staates, gegen welchen noch unlängst ein langer und opferreicher Krieg geführt wurde, eine Heimstadt für jene, die angesichts vieler Umstände ohne Heimat geblieben waren? Das ist eine Frage, die sich schwer eindeutig beantworten lässt. Die Geschichte lehrt aber, dass es trotz aller Krisen immer einen Tag „danach“ gibt.

Das war eine turbulente Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Nach dem Schock der Hyperinflation von 1923 entspannte sich in den “Goldenen” Zwanziger Jahren die ökonomische und politische Situation kurzzeitig. Auch innenpolitisch beruhigte sich die Lage ein wenig. Doch diese Phase der Stabilisierung ging mit der Weltwirtschaftskrise ab 1929 rasch zu Ende und führte zu einer auch politisch angespannteren Lage, die das Scheitern der Weimarer Republik begünstigte. In diesem Zeitraum erblühte das Kulturleben der russisch sprechenden Emigranten in Berlin. Hier übrigens entsteht die so genante Philosophie der „Russischen Welt“, was sehr kennzeichnend ist, für die Suche der Antworten auf die Fragen, die unausweichlich vor der Elite standen. Genau diese Philosophie wird heute als ein  Ausgangspunkt des euroasiatischen Integrationsprojektes gesehen.

Der russische Dichter Chodasevitsch nannte Berlin – „Stiefmutter der russischen Städte“, dabei spielte er auf die berühmte Nestorchronik aus dem 11. Jahrhundert an: „Kiev ist die Mutter der russischen Städte“.  Es sollte gerade Berlin eine wichtige Rolle bei der Festigung des russischen Selbstbewusstseins, bei der Erhaltung der kulturellen Werte und Traditionen vom Anfang des 20. Jahrhunderts spielen. Diese Zeit, die der russische Philosoph Nikolai Berdjajew in Berlin als „eine der sensibelsten Epochen in der Geschichte der russischen Kultur“ bezeichnete.

MigrationDie dritte Migrationwelle

Am Ende des 20. Jahrhunderts in den 90er Jahren erfuhr Deutschland eine neue Migrationswelle aus der Ukraine und aus Russland. Dieses Kontingent aus Migranten unterscheidet sich von dem, am Anfang des Jahrhunderts entscheidend.

Hier um einen Übergang von der ersten Migrationswelle zur Migration der 90er Jahre zu schaffen und um knapp den verschiedenen Charakter der beiden Phänomene anzudeuten möchte ich ein Zitat vom österreichischen Schriftsteller Joseph Roth, der in Berlin in den 20er Jahren über die russisch sprechende Migration  viel geschrieben hat, als Beispiel geben. Er hat die „Russische Diaspora“ in Berlin mit einer Pyramide ohne Basis und ohne Mittelteil verglichen. Er wollte damit betonen, dass die Migranten aus Russland die Elite der Gesellschaft waren. Wenn wir beim Pyramide-Bild bleiben, so kann gesagt werden, dass in den 90er Jahren die „Basis“ der Pyramide angekommen war.  Das ist eine ökonomisch bedingte Migration. Jedoch wurde auch diese Welle der 90er Jahre von einer geopolitischen Krise, nämlich der Selbstauflösung der Sowjetunion, ausgelöst. Und hier ist es wichtig zu realisieren, dass die heute in Deutschland lebenden Ukrainer und Russen im großen Teil die Exbürger eines nicht mehr existierenden Staates sind. Dazu kommt die Generation der hier geborenen Kinder der Migranten mit ukrainischen und russischen Wurzeln, die sich aktiv im kontroversen Gespräch beteiligen.

Zeit- und Raumphantomgrenzen der russisch und ukrainisch sprechenden Migranten in DeutschlandZeit- und Raumgrenzen als Phantomgenzen

Alle Migranten können unter Anderem eine lokale historische Narrative in ihrer historischen Erinnerung, und nationalen Identität mitbringen. Hier sprechen die Soziologen von  Phantomgenzen der Zeit- und Raumgrenzen.  Der mediale Einfluss spielt dabei eine große Rolle, denn die Medien spiegeln die politische internationale Realität nie wieder. Die Medien sind kein Spiegel. Sie formen bewusst und unbewusst eine eigene mediale Realität im historisch-politischen Kontext des Landes aus. Wir erleben heute, dank dem Internet, einen revolutionären Wandel der medialen Kompetenz. Jeder kann sich gezielt zu einem bestimmten Thema informieren. Das macht allerdings die Diskussion auf keinen Fall zu leicht.

Lassen Sie uns kurz aus der historischen Perspektive der letzten 25 Jahren auf die Entwicklung  schauen. Nach dem Zerfall der UDSSR verändern sich die Grenzen in Europa signifikant.

Die EU explodiert mittlerweile nach mehreren Wellen der Osterweiterungen. Mit der EU-Erweiterung wurde eine freiwillige und großzügige Bereitschaft des Westens für einige osteuropäische Länder die Möglichkeit an den Westen anzuschließen bzw. aufzuholen gezeigt.  Unter anderem wird auch klar, dass auch für die Fortschrittlichsten unter ihnen die Identifikationssuche einige Zeit fortdauert. Manche andere, besonders die ehemaligen Sowjetrepubliken fühlen sich vom Prozess der Annäherung an den Wohlstand des Westens abgeschnitten und können sich herabgestuft fühlen von Teilen der Gesellschaft oder fühlen die verstärkte nostalgische Stimmung von den guten alten Tagen. Ich finde, dass es für die Soziologie interessant ist, dass die Vergangenheit aus der Perspektive der Gegenwart oder aus der Perspektive der vorgestellten Zukunft neu gelesen werden kann. Die Vergangenheit kann im Rückblick nostalgisch idealisiert werden. In der Spannung zwischen Sehnsucht nach der Vergangenheit und der fehlenden Soziologisierung wird die Meinung gebildet. Grenztemperatäten können verändert werden wenn die Bevölkerung durch die Veränderungen die Zeit- und Raumtopographie neu navigieren müssen. Das ist eben bei den Migranten aus Sowjetunion der Fall. Der polnische Soziologe Buschkowski spricht im Kontext der polnischen Erfahrung über eine Gruppe der Bevölkerung, die in einem neuen liberalen Wertesystem keinen Fuß fassen könnten als über Verlierer der Transformationsprozesse. Sie werden als hoffnungslose Opfer der kommunistischen Sozialisation angesehen.

Untersuchungen zeigen, dass der Konflikt in den Herkunftsländern noch intensiver medial verstärkt, von der Diaspora mitgetragen wird. In der Ukraine sind die Konfliktlinien gleichzeitig die alten ethnoterritoriale Phantomgrenzen mit den unterschiedlichen lokalen Narrativen  der ukrainischen Geschichte.

Andere Prozesse der Migration in Deutschland können auch für russisch sprechende Migranten nicht unbemerkbar bleiben. Zum Beispiel die Exterritorisierung des Orients, die im vollen Gang ist. Wenn die Menschen die Grenzen überqueren, werden sie neuen Werten und Bedeutungs- und Deutungsregime ausgesetzt, die eine politische, ökonomische aber auch zeitliche Dimension haben. Die gleichen Zeiträume können verbinden oder trennen. Die deutsche Soziologie stellt bei der Migrationforschung die Frage inwieweit die grenzüberstreitende Bevölkerung sich mit der neuen Region identifiziert hat oder sich nach dem Herkunftsland sehnt. Es entstehen verschiedene neue Migrationsnarrative.

Die ukrainische Krise zeigt deutlich, dass viele Migranten aus Osteuropa eine so genannte Liminalität erfahren. Das heißt sie befinden sich dauerhaft in einem Zustand des „nicht angekommen seins“.   Die Zeiträume, die sie bewohnen, bilden eine Art der Zwischenräume. Es geht um die konkurrierenden Lesarten der ukrainischen Geschichte in der heutigen Ukraine

Die Anwesenheit von mehreren konkurrierenden, nationalen Narrativen in einem Vielvölkerstaat ist ein Gewinn an Vielfalt. Sie müssen nicht unabwendbar eine Instabilität bedeuten. Das Existieren von konkurrierenden historischen Narrativen bedeutet nicht zwangsläufig einen Konflikt. Das Konkurrieren in einem System, wo unterschiedliche Akteure mit eigener Geschichtslesung zu Wort kommen, ist eine Bereicherung, die von einem Konkurrieren zu einem Kooperieren geleitet werden kann. Jedoch ist gewiss der Weg in die Gegenrichtung möglich. Beide Entwicklungsszenarios benötigen einen Plan und Investitionen, wenn man eine Vorstellung hat wohin die Reise gehen soll. Mit anderen Worten ist es von Vorteil, wenn man ein Entwicklungskonzept für einen Vielvölkerstaat hat. Für die Ukraine war und bleibt die “Europäisierung” ein solches Konzept. Eine “Europäisierung” wie sie die Osteuropäer verstehen. Russland ist ein europäisches Land und orientierte sich spätestens seit dem 15. Jahrhundert, nach dem Ende des Mongolen-Jochs wieder an Europa. Für die Ukraine bleibt die Wahl zwischen West und Ost eine Provokation. Beide Länder – Ukraine und Russland sind der Kultur und der Geschichte nach europäische Länder. Das offene Geheimnis ist eine Tatsache, dass nach dem Ende des Kalten Krieges die Osteuropäer eine Umorientierung zu der wirtschaftspolitischen Europäischen Union vollzogen haben. Wohin sollten sie sich denn noch orientieren? Im Kontext des geopolitischen Konfliktes werden zurzeit zwei Konstrukte der europäischen Kultur geformt. Die Russen verstehen sich mehr und mehr als Nachfolger und Bewahrer jüdisch-christlichen Tradition des alten Europa, die ein neues Leben und eine moderne Entwicklung erfahren soll.

Ukraine und FödVerständnis der ukrainischen Geschichte

Die ukrainische Staatlichkeit ist ziemlich jung. Sie verbirgt in sich diverse imaginäre Grenzen von einem national-historischen Charakter. Aus diesem Grund erscheint es logisch, dass das Verständnis der ukrainischen Geschichte unter anderem aus der Perspektive ihrer Nachbarn sowie im Westen als auch im Osten zu betrachten ist. Die existierende historische Narrative in der Ukraine und die Suche nach einer neuen Identität fördern eine selektive Wahrnehmung der eigenen Geschichte oder der eigenen historischen Helden. So werden in der Ukraine die Rolle von Bandera und Schukewitsch, oder „Holodomor“ und die Geschichte des Zweiten Weltkrieges neu bewertet. An sich ist das Phänomen der selektiven Geschichtswahrnehmung nichts Neues und existiert in vielen Kulturen. Zum Beispiel wird die Befürwortung von Sklaverei vom Gründer der  amerikanischen Nation George Washington nie thematisiert, oder die klare antisemitische Haltung von Martin Luther in Deutschland. Deswegen habe ich in meinen beiden Artikeln zu den ukrainischen Geschichtsnarrativen  versucht aus der Perspektive der ukrainischen Nachbarstaaten die Problematik anzuschauen. (s. Beiträge meines Blogs)

Man stellt fest, dass es in den russischen und  in den polnischen Chroniken keinen Platz für die Ukraine gibt. Die Bezeichnung “Ukraine” wird in den späteren russischen und polnischen Meistererzählungen des 19. Jahrhunderts als eigenes Randterritorium verstanden, denn das Wort  “Ukraine” bedeutet in slawischen Sprachen “am Rand”, “an der Peripherie”. Die Polen und die Russen erkennen die Ukrainer bis zum 20. Jahrhundert nicht als selbständiges Volk an, sondern als ein Teil der eigenen Geschichte. Hier sind schon zwei erste nicht kompatible Narrativen.

Insgesamt lassen sich mindestens acht konkurrierende Lesarten der eigenen Geschichte der Ukrainer darstellen. Das sind die Folgenden:
Das russische Narrativ; Das sowjetische Narrativ; Das neu-ukrainische Narrativ; Das polnische Narrativ; Kosakentum als ein transnationales Narrativ; Das österreichisch-ungarische Narrativ in Galizien; Das jüdische Narrativ; Das Narrativ der Krimtataren. (Ausführlicher hierzu  in meinem Blog-Beitrag: Ukraine. Die konkurrierenden Lesarten der Geschichte . Teil I + II)

Die Kenntnis dieser Lesarten der Geschichte helfen nicht die Ursachen oder den Gegenwartszustand der Krise, aber die Etymologie der Krise zu verstehen.

Ich bin  mir sicher, dass gerade Deutschland und nicht zu Letzt die Migranten mit ukrainischen und russischen Wurzeln hier in der Lage sind eine neue Brücke zu erbauen, wenn wir uns nicht instrumentalisieren lassen.  

Fortsetzung folgt…

 

 

 

 

 

 

2 Antworten auf Aktuelle Beiträge im Blog „EU – Osteuropapolitik“

  1. Ulrich Keune sagt:

    Die unbefangene, freie, gegenseitige Emotion
    ist für mich durch den Auftritt der Minister Brok
    und Westerwelle auf dem Maidan gegenüber den
    Ukrainern und den Russen zerstört worden.
    Ulrich Keune, Hemer und Wolgograd

  2. Ulrich Keune sagt:

    Meine persönlichen Gedanken möchte
    in dem Blog von Herrn Dr. Tchernodarov schreiben.
    Enttäuscht bin ich seit mehr als einem Jahrzehnt,
    denn die Hoffnung auf eine ähnliche Entwicklung
    und Entgegenkommen gegenüber Russland, wie
    nach dem zweiten Krieg gegenüber Frankreich
    es nicht gegeben hat.
    Es sind nur engagierte Gruppen und einzelne
    Personen, die sich um Russland und den Menschen
    bemühen.
    Die Verwandten mütterlicher Seite hatten zum 1. Weltkrieg
    aus Eydtkuhnen durch die Kriegsereignisse die Heimat
    verloren.
    Davor bestand deren gegenseitige Arbeit an der Bahnstrecke
    von nach St. Petersburg.
    Die russische Sprache war meinen Verwandten nicht fremd.

    Was ist heute?
    Die russischen Menschen werden zu meinem
    Entsetzen wie minderwertige Menschen behandelt.
    In den baltischen Staaten, in der frühen Ukraine und
    in den ehemaligen Sowiet-Republiken wurde ihnen
    Übel angetan.
    Weit mehr als eine Millionen russische Menschen
    haben deren als Heimat gewohnte Erde auf Grund von Drangsalierungen
    verlassen müssen.

    Im Jahr 2013 war für mich an der Wolga ein Thema die Ukraine.
    Es wurde deutlich gesagt, dass keine Interessen der Übernahme
    von russischer Seite bestanden.
    Zu hören war z.B.: „Wenn man der Ukraine sagt, Ihr gehört nicht
    zu uns (also zu Russland), dann wird gesagt, Ihr habt ein hartes Herz.
    Wenn gesagt wird, ja Ukraine kommt zu uns, dann wird gesagt,
    Ihr seit in den Gedanken ( im Kopf) krank.

    ABER, was ist für mich passiert?
    Die EU schottet die Grenzen praktisch hermetisch ab und nun
    wurde auf dem Maidan von europäischer Seite aus und deutscher
    Seite, durch die Minister Westerwelle und Brok, durch emotionales
    Aufladen der enttäuschten Menschen der Beitritt zur EU forciert.
    Haben sich die Minister vorgestellt, dass es eine hermetische EU-Grenze
    z.B. am Don geben soll?
    Sollen familiäre Verwandtschaften getrennt werden?
    Sollen Freundschaften getrennt werden?
    Ich sehe dass viele Familien ihre Verwandten durch den zweiten Weltkrieg
    bedingt im Kaukasus, an der Wolga, am Don und auf der Krim haben.
    Nun werden diese Menschen, deren Kinder, als Terroristen bezeichnet.
    Zum Teil sind es kosakische Familienbande und Freundschaften
    die unter Anderem von dem unvorstellbaren Geschehen betroffen sind.
    Diese Menschen lebten in Frieden mit den Ukrainern, die noch aus
    Zeiten von Österreich und Ungarn geprägt sind.
    Sie sprechen eine andere Sprache. Empfinden deren Identität anders.

    Sehr große Hoffnung hatte ich, als die Proteste auf dem Maisan begannen,
    dass die Menschen Zeit gehabt hätten sich zu organisieren, um einen neutralen
    Staat Ukraine zu gründen. Als friedlichen eigenständigen Staat unabhängig
    von der EU, USA und Russland.
    Das Problem ist schon das mangelnde Geld. Es ist in den Händen von praktisch
    ein paar Menschen, die es verstanden haben sich dieses anzueignen.
    Was für Möglichkeiten bleiben Menschen, mit geringsten Mitteln Eigenständigkeit
    zu erreichen?
    Was denken die russischen Familien, wenn von sich bekennenden Ukrainern
    denen Verwandte erschossen und getötet werden?
    Wie handeln sie?
    Aufhalten würde ich diese Menschen nicht. Politisch geht es überhaupt nicht.

    Meine Frage ist: haben Minister wie Brok, Westerwelle und andere kein
    Grundwissen, ungebildete Berater und kein
    kulturelles Verständnis?
    Denken EU-Politker wirklich eine hermetisch dichte Grenze am Don zu errichten
    zu wollen?
    Ich hatte mal gedacht, die Mauer zwischen Ost und West wäre eingerissen worden.
    Unverständlich ist für mich, dass diese restauriert an der russischen Grenze in
    modernisierter Form errichten werden soll und das durch Familienbande hindurch.
    Ulrich Keune, Wolgograd und Hemer

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